Storytelling

Storytelling: Geschichte(n) 
für den demokratischen Zusammenhalt

Das Demokratie-Forum Müllheim setzt sich seit seiner Gründung Anfang 2025 mit großem Engagement und Ideenreichtum für die Stärkung der Demokratie, eine Politik der Mitte, eine weltoffene Gesellschaft und für ein respektvolles Miteinander in unserem Land ein. Die überparteilichen Bürger:innen wenden sich entschieden gegen jeglichen Extremismus. Mit dem Konzept des Storytelling bringen Erzähler*innen der Initiative ihre Lebensgeschichten und persönlichen Erfahrungen  in den Unterricht der weiterführenden Schulen in Müllheim und Neuenburg ein. Themen sind unter anderem: Nationalsozialismus , Diktaturerfahrungen und Migration. Die Reaktionen der Schüler:innen sind ermutigend, ebenso die Rückmeldungen der Lehrer:innen. 

Azhara Wafir, die mit ihrer Mutter 1995 vor Diskriminierung und Gewalt aus Sri Lanka flohen und ihre vor 17 Jahren in Deutschland geborene Tochter Alisha berichten hier von zwei Besuchen im Sommer 2026, die sie ins Markgräfler Gymnasium und in die Alemannen-Realschule Müllheim führten.
 

Was persönlich Erlebtes sichtbar macht

Am 26. Juni waren meine Tochter und ich zu Gast am Markgräfler Gymnasium. Dort haben wir drei siebte Klassen mit insgesamt knapp 70 Schülerinnen und Schülern besucht. Am 13. Juli waren wir außerdem an der Alemannen-Realschule und haben dort mit einer achten Klasse mit ca. 20 Schülerinnen und Schülern gearbeitet.

Ich habe meine Fluchtgeschichte erzählt und zunächst erklärt, warum meine Mutter mit mir Sri Lanka verlassen wollte bzw. musste. Dabei sprach ich über ihre Widrigkeiten dort als muslimische Frau und marginalisierte Witwe, den Bürgerkrieg, die gesellschaftlichen Spannungen im Land und darüber, was meine Mutter dazu bewegte, das Land zu verlassen. 
 

Lernen, immer wieder neu anzufangen

Anhand der verschiedenen Orte, an denen ich während und nach der Flucht gelebt habe, konnten die Schülerinnen und Schüler meinen Weg nachvollziehen. Meine Geschichte begann in Kandy im zentralen Hochland von Sri Lanka und führte über mehrere Stationen schließlich nach Deutschland. Ich erzählte, wie unterschiedlich diese Orte waren und welche Erinnerungen ich mit ihnen verbinde. Manche waren nur vorübergehende Aufenthaltsorte, andere wurden für längere Zeit zu einem neuen Lebensmittelpunkt.

Dabei ging es nicht nur um die Flucht selbst, sondern auch um das Ankommen in einem zunächst fremden Land. Ich sprach darüber, wie es sich anfühlt, die gewohnte Umgebung, vertraute Menschen und einen großen Teil des bisherigen Lebens (mehrmals) hinter sich zu lassen. Auch die Erfahrung, plötzlich fremd zu sein und sich in einer neuen Sprache und Gesellschaft zurechtfinden zu müssen, war ein wichtiger Teil meiner Erzählung. Gleichzeitig wollte ich den Schülerinnen und Schülern zeigen, dass solche Erfahrungen einen Menschen nicht ausschließlich schwächen. Sie können auch dazu führen, dass man lernt, sich in unterschiedlichen Lebenswelten zurechtzufinden, verschiedene Perspektiven einzunehmen und immer wieder neu anzufangen.
 

Wie fühlt es sich an, wenn man als „anders“ wahrgenommen wird?

Meine Tochter erzählte anschließend aus ihrer Perspektive. Sie ist hier geboren und aufgewachsen und hat Deutschland nie als fremdes Land kennengelernt. Trotzdem wird sie aufgrund ihres Aussehens mit dunklen Haaren und dunkler Haut immer wieder als „anders“ wahrgenommen. Sie sprach sehr offen darüber, wie sie innerhalb und außerhalb der Schule Rassismus im Alltag erlebt hat, wie sehr diese Erfahrungen sie belastet haben und dass sie deshalb auch therapeutische Unterstützung brauchte. Gleichzeitig erzählte sie, wie sie heute damit umgeht, wie sie gelernt hat, sich abzugrenzen, und inwiefern diese Erfahrungen sie auch stärker gemacht haben.

Durch unsere beiden Perspektiven wurde deutlich, dass Ausgrenzung und das Gefühl, nicht dazuzugehören, sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Ich musste meine Heimat verlassen und mich in einem neuen Land zurechtfinden. Meine Tochter ist hier geboren und muss trotzdem immer wieder erleben, dass andere Menschen ihre Zugehörigkeit infrage stellen.

Begleitet haben wir unsere Erzählungen mit einer Canva-Präsentation. Auf einer Weltkarte konnten die Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Stationen meines Lebens und meiner Flucht nachvollziehen. Bilder und kurze Erklärungen halfen dabei, die beschriebenen Orte, Ereignisse und Erfahrungen anschaulicher zu machen.
 

Wie reagierst du auf rassistische Bermerkungen?

Die Schülerinnen und Schüler durften jederzeit Fragen stellen und haben diese Möglichkeit auch genutzt. Sie waren sehr aufmerksam und interessiert und stellten teilweise sehr persönliche und ehrliche Fragen. Sie wollten beispielsweise wissen, weshalb meine Familie fliehen musste, welche Station der Flucht besonders schwierig war, ob wir noch Familie in Sri Lanka haben und wie es sich anfühlt, in einem neuen Land anzukommen. Auch nach den Schilderungen meiner Tochter entstanden viele Fragen. Die Schülerinnen und Schüler wollten wissen, wie sie auf rassistische Bemerkungen reagiert, was ihr in schwierigen Situationen geholfen hat und was andere tun können, wenn sie Rassismus oder Ausgrenzung beobachten.

Besonders berührt hat uns, dass sich im Anschluss sowohl Kinder mit als auch ohne eigene Migrationsgeschichte bei uns und den Lehrkräften bedankt haben. Einige Schülerinnen und Schüler erkannten sich in Teilen unserer Geschichten wieder. Andere berichteten, dass sie bestimmte Erfahrungen vorher nicht nachvollziehen konnten und nun anders darüber nachdenken würden und es sehr mutig finden, dass wir in Schulen gehen und unsere Geschichte erzählen. Auch die Rückmeldungen der Lehrerinnen und Lehrer waren sehr positiv. Einige Lehrkräfte haben bereits angekündigt, unser Storytelling auch für weitere Klassen anfragen zu wollen.
 

Erfahrbar machen, was Flucht und Ausgrenzung tatsächlich bedeuten

Die beiden Schulbesuche haben uns noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, über Flucht, Migration, Rassismus und Zugehörigkeit nicht nur theoretisch zu sprechen. Persönliche Geschichten machen sichtbar, was politische Konflikte, Flucht und Ausgrenzung für einzelne Menschen und Familien tatsächlich bedeuten. Sie schaffen einen Zugang, den reine Zahlen, Definitionen oder Lehrbuchtexte allein oft nicht ermöglichen.

Genau darin liegt die Stärke unseres Storytelling-Konzepts: Zwei Generationen erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven und treten mit den Schülerinnen und Schülern in einen direkten Austausch. Die persönlichen Erzählungen werden mit historischen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründen verbunden. Dabei geht es nicht darum, einfache Antworten vorzugeben, sondern darum, zuzuhören, Fragen zuzulassen, Vorurteile zu hinterfragen und gemeinsam über Flucht, (Alltags-)Rassismus und Zugehörigkeit nachzudenken.
 

  • Mehr über das Konzept des Storytelling erfahren Sie auf der Website des Demokratie-Forums Müllheim. Hier finden Sie auch eine Liste der Erzähler:innen mit Lebensläufen und Themenschwerpunkten sowie die Kontaktadresse zur Terminvereinbarung. 

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